Städtebauförderung 2017

16. Januar 2017

Mehr bezahlbarer Wohnraum!

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Bürgerbeteiligung auf neuen Wegen!

16. Januar 2017

Mehr Bürgerbeteiligung – aber wie? Zur Einbindung von beteiligungsschwachen Gruppen

Laut Klaus Selle, einem der erfahrensten Experten für Bürgerbeteiligungsprozesse, gibt es zwei verschiedene Gruppen die sich beteiligen: Die, die eigene Interessen haben (z.B. die „Zornigen“, die „Betroffenen“, die „Interessenten“ etc.), und die weitaus kleinere Gruppe derer, die eben keine Absichten und Interessen verfolgen, aber dennoch teilnehmen. Der Kreis der sich Beteiligenden ist damit nahezu verschwindend gering: „Nach unseren eigenen Erfahrungen umfassen alle diese Gruppen in Planungsprozessen zu eher abstrakten Themen (Stadtentwicklungskonzepte etc.) nie mehr als 1% der Stadtbewohnerschaft.“ [vgl. Selle, Noch eine Legende: Stadtplanung geht alle an… Große Zahlen sind kein Qualitätsnachweis, Planerin 6/2013, S. 11 ff].

Wie aber können in der Stadt- und Quartiersentwicklung unterrepräsentierte Gruppen angesprochen werden – wie z.B. ‚Kinder und Jugendliche‘ oder ‚Migrantinnen und Migranten‘?
Die Teilnahme an einem Beteiligungsprozess ist immer freiwillig. Die Betroffenen werden in der Regel nur dann teilnehmen, wenn sie den Nutzen für sich erkennen und mögliche Befürchtungen ausgeräumt werden können. Dies gilt für breite Bevölkerungsschichten genauso wie für schwer erreichbare Gruppen.

Entscheidend bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist v.a., dass das Thema der Beteiligung die persönliche Lebenswelt der Zielgruppe betrifft. So können beispielsweise die Neugestaltung der Schule oder von Freizeiteinrichtungen thematisiert werden. Dabei ist bedeutsam, dass die Jugendlichen sich nicht zu sehr und nicht zu langfristig an den Prozess binden müssen und dass ihnen vermittelt wird, dass sie gefragt sind und immer wieder zur Beteiligung eingeladen werden. Jugendliche wollen noch schneller als Erwachsene sehen, was mit den Ergebnissen ihrer Mitwirkung passiert. Beteiligung sollte für die jüngere Zielgruppe mit Spaß und nicht etwa mit der Schule in Verbindung gebracht werden.

Für eine erfolgreiche Aktivierung ist es entscheidend, die altersspezifische Sprache der Kinder und Jugendlichen zu akzeptieren und gegebenenfalls zu „übersetzen“. Empfehlenswert ist ein externer Moderator, der die Teilnehmenden dabei unterstützt, Ideen und Vorstellungen auszudrücken.

Und wie kann man Migrantinnen und Migranten sowie andere „stille Gruppen“ für die Beteiligung an der Stadt- und Quartiersentwicklung gewinnen? Auch hier ist es nach Klaus Selle zunächst wichtig, dass diese Gruppen überhaupt betroffen sind: „Hat die kommunale Planung, hat die örtliche Politik Themen zu verhandeln (und aus eigener Macht zu entscheiden), die z.B. die Lebenslage der marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen wirklich betreffen? Erst wenn das eindeutig bejaht werden kann, muss nach den geeigneten Kommunikationsformen gefragt werden“ [vgl. Selle, Über Bürgerbeteiligung hinaus, 2013, S. 291].

Als guten Einstieg in Prozesse, die Menschen verschiedener sozialer Gruppen zusammenbringen, haben sich Projekte erwiesen, bei denen es um Treffpunkte, Begegnung, Fest- oder Kulturveranstaltungen oder auch Mitbauprojekte im Außenraum geht. Dazu kommen Themen, die alle Menschen eines Stadtteils leicht wahrnehmen oder verbinden können und niederschwellig sind. Weiter sollten so viele verschiedene Kontaktmethoden wie möglich eingesetzt werden. Dabei sollte man v.a. auch an die verschiedenen Altersgruppen denken, die man erreichen will – ältere Menschen sind eher durch Zeitungen erreichbar, junge Menschen eher durch das Internet.

Menschen, die nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen, können erreicht werden mit allgemein verständlich formulierten Angeboten ohne Fachausdrücke, mit Angeboten in ihrer Erstsprache (Flyer und Einladungen, mehrsprachige ‚Stadtteilmanager/innen vor Ort‘), mit Festen mit Verköstigung und Musik – auch aus ihren Herkunftsländern – und sollten eventuell anfangs in ihren homogenen Gruppen beteiligt werden. Es empfiehlt sich, bereits bestehende Netzwerke zu nutzen, um Menschen zu Beteiligungsprozessen einzuladen. Zu bestimmten Personen besteht bereits Vertrauen und es wird somit leichter, Teilnehmende für den Prozess zu gewinnen.

Bei Migrantinnen und Migranten und anderen schwer erreichbaren Gruppen sind also insbesondere niederschwellige Partizipationsangebote zu bevorzugen, die von den Nutzenden einen nur geringen Aufwand zu seiner Inanspruchnahme erfordern.

Grundsätzlich sollte man jedoch akzeptieren, wenn sich Betroffene trotz aller Bemühungen nicht einbringen möchten – denn jeder Bürger hat auch ein Recht darauf, sich nicht beteiligen zu wollen.

Seminar zum Thema: Erfolgreiche Beteiligung Privater bei städtebaulichen Sanierungsmaßnahmen